Bist Du Minister des Nein –

oder Botschafter des Ja?

Was den Parelli-Weg auszeichnet ist die Einstellung gegenüber dem Pferd.

Jeder kann ein Pferd zu etwas zwingen – die Kunst des Horsemanship besteht jedoch darin, dass das Pferd immer mehr für dich tun will. Der Parelli-Weg geht davon aus, dass das Pferd perfekt ist und ich meinen Zugang ändern sollte, damit das Pferd bei mir sein, mit mir spielen, von mir lernen möchte und das Vertrauen hat, um wunderbare und für ein Fluchttier „unnatürliche“ Dinge zu tun, wie z.B. in einen Hänger zu gehen! Zweitens denken wir, dass das Pferd in dem Sinne immer ehrliches Feedback gibt. Wenn es etwas tut, was ich nicht gewollt habe oder wonach ich – scheinbar – nicht gefragt habe, muss ich zuerst mich fragen:

War ich klar? Hat es verstanden, wonach ich gefragt habe? Hat das Pferd etwas anderes erwartet? Hat es sich vor mir oder der Aufgabe gefürchtet?

Pat drückt es folgendermassen aus: „Pferde sind wie Computer – sie tun genau das, was du ihnen gesagt hast, (wissentlich oder nicht) oder wozu sie programmiert sind (durch Mutter Natur oder Wiederholung).“ Wenn wir verstehen, dass wir Teil des Problems sind können wir mit mehr Aufmerksamkeit und Wissen Teil der Lösung werden. Es ist einfach anzunehmen, das Pferd würde sich uns absichtlich widersetzen, aber ich hoffe, dass du nach dieser Lektüre eine Idee davon hast, wie wir Menschen in Wahrheit die Probleme in die Welt bringen, aber uns dessen oft wenig bewusst sind!

Minister des Nein

Minister des Nein

Minister des Nein?

Die Acht Prinzipien des Natural Horsemanship lehren uns, dass unser Schlüsselziel in Horsemanship darin besteht, unsere Raubtierneigungen zu überwinden – wie etwa geradewegs auf unser Ziel hin zu stürmen, oder wie ein Mensch anstatt wie ein Pferd zu denken – und als Resultat in der Kommunikation besser werden.

Wir lernen, den Pferden zuzuhören, ihre Körpersprache und Rückmeldungen zu lesen und werden dabei geduldigere und bessere Leader. Unser Timing ebenso wie unsere Planung verbessert sich, und wir lernen unsere Ziele erfolgreich vorzubereiten. Dennoch neigen wir dazu zu ignorieren, wie oft wir „Nein!“ sagen – immer wenn du z.B. dein Pferd daran hinderst, etwas – irgendetwas – zu tun, sagst du „nein“, und als Resultat davon können Pferde widerspenstig, streitlustig oder ängstlich und unsicher werden.

Denk darüber nach: Wie oft erwischst du dich dabei, wie du „nein“ zu deinem Pferd sagst? Entdeckst du dich dabei, wie du oft am Strick oder Zügel ziehst oder dein Bein oder deinen Stick verwendest, wenn dein Pferd

  • Gras fressen möchte ohne Erlaubnis
  • in eine andere Richtung gehen möchte
  • langsamer oder schneller werden will
  • dorthin schauen will
  • seine Freunde rufen will
  • sich erschreckt oder widersetzt
  • sich bewegen will, wenn du möchtest, dass es stillsteht, usw.

„Nein“ ist eine automatische Reaktion von uns Raubtieren – wir haben eine Erwartung, wie sich unser Pferd zu verhalten hat, und wenn es etwas anderes tut, sagen wir oft „nein“ – manchmal leise, manchmal gehen wir durch die Phasen, um unser „Nein bedeutet Nein!“ zu bekräftigen. Nicht nur, dass es ein Pferd genau so aus dem Gleichgewicht bringt wie uns, wenn zu uns jemand „nein“ sagt, kann es zusätzliche Probleme verursachen, weil dein Pferd beginnen wird, zu dir „nein“ zu sagen. Pat hat davon gesprochen, zum „Botschafter des Ja“ für sein Pferd zu werden.

Warum „Nein“ oft nicht funktioniert

„Nein“ führt unmittelbar dazu, Dinge negativ werden zu lassen. Denk daran, wie du dich fühlst, wenn jemand „nein“ zu dir sagt. Kleine Kinder sind wunderbare Beispiele, weil sie ihre Gefühle nicht zurückhalten – sie fühlen sich unverstanden, regen sich auf, streiten mir dir (Warum? Warum? Warum?) oder ignorieren dich und machen es trotzdem! Pferde sind ähnlich und wenn du daran denkst, dass ein Pferd eine individuelle Horsenality besitzt, wirst du einige interessante Muster entdecken.

 Left-Brain Pferde werden mir dir zu streiten beginnen.

Die introvertierten werden passiven Widerstand leisten und „es“ oft trotzdem tun. Denk an das Pferd, das einfach weiter Gras frisst, während du dich vergeblich bemühst, seinen Kopf hoch zu bekommen. Oder das Pferd, das auf dem Zirkel nicht schneller geht als Trab, egal, was du tust. Die Extroverts werden es offen und mit Gusto tun. Mit einem Left-Brain Extrovert kann man leicht in Streit geraten, weil es die Gelegenheit ist, mit dir Dominanzspiele zu spielen. Denk an das Pferd, das dich übermütig dorthin zerrt, wo es hinmöchte, oder das nächste Mal seinen Biss etwas besser abstimmt oder einen Aufruhr veranstaltet, weil es seinen Willen durchzusetzen versucht!

Right-Brain Pferde werden Vertrauen verlieren.

Die introvertierteren können das zerbrechliche bisschen Vertrauen verlieren, das sie haben und sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen und dich ausschliessen. Sie werden ängstlich, irgendetwas zu tun, weil sie nichts falsch machen möchten und werden bei der geringsten Kleinigkeit unsicher. Alles fühlt sich für sie bedrohlich an; schon danach gefragt werden, etwas zu tun, fühlt sich drängend und aggressiv an. Die extrovertierten stürmen einfach drauflos! Der Vertrauensverlust eskaliert zur Angst um ihre Sicherheit und sie müssen weg! Das steckt dahinter, wenn Right-Brain Extroverts durchgehen oder vor dir flüchten, sich gegen das Halfter und Seil lehnen und bei jeder Gelegenheit erschrecken.

Weisst du, wenn du „Nein“ sagst?

Es ist leicht zu erkennen, dass du „nein“ sagst, wenn du am Seil oder an den Zügeln ziehst, um dein Pferd davon abzuhalten, schneller zu werden, aber es gibt auch viele andere Situationen, in denen dein Pferd ebenfalls ein „Nein“ spüren kann. Wenn es etwa nicht durch einen Engpass gehen will, oder über einen Bach, über einen Sprung oder in einen Hänger, denkst du vielleicht, dass du bloss versuchst, es zu etwas aufzufordern. Aber vom Standpunkt des Pferdes fühlt es sich an wie Zwang.

Das ist der Grund – mehr als alles andere – warum wir mehr Probleme haben als nötig. Wir haben es nicht nur mit einem Mangel an Vertrauen bei der aktuellen Aufgabe zu tun, wir haben jetzt auch grundsätzliches Widerstreben von unseren Pferden und erzeugen Kampf- oder Fluchtreaktionen weil wir so agieren! Machen wir uns bewusst, wie oft wir unbewusst „Nein“ sagen. Erkennen wir dies, können wir es ändern.

Wie man öfter „Ja“ sagt

Werde Botschafter des JA!

Werde Botschafter des JA!

Du fragst dich jetzt wahrscheinlich, wo das enden wird, wenn du immer „Ja“ zu deinem Pferd sagst. Es geht nicht darum, dass du ab jetzt dein Pferd immer das tun lässt, was es will; doch du möchtest besser darin werden, Umkehrpsychologie anzuwenden, und zu bewirken, dass dein Pferd die Aufgabe für dich tun will. Umkehrpsychologie bedeutet, das Gegenteil von dem zu tun, was das Pferd erwartet. Die Wirkung wird dich überraschen! Es wird Kämpfe und negative Gefühle auf beiden Seiten reduzieren und das Zusammensein wird harmonischer. Einige Beispiele, was du tun kannst und warum es funktioniert:

1. Geh mit!

Das ist ein Konzept aus der Kampfkunst. Statt Widerstand zu leisten und mit der Energie deines Pferdes zusammenzustossen, nimmst du die Energie, gehst mit ihr und formst sie dabei in der Richtung, in die das Pferd gehen wollte. Sagen wir, das Pferd neigt dazu, von dir wegzuziehen, wenn es geführt wird oder du Online spielst (das ist üblich bei Right-Brain Introverts, wenn sie explodieren). Alles funktioniert wunderbar und auf einmal zieht dein Pferd weg. Anders als bei Extroverts passiert das nahezu ohne Vorwarnung – bis du erkennst, wie du dies provoziert hast.

Der Minister des Nein: Du spürst das Pferd wegdriften oder sein leichtes Widerstreben, also erhöhst du den Druck auf das Seil oder verstärkst mit dem Stick, und boom – das Pferd ist weg. Tatsächlich hast du gesagt, „Nein, nein, nicht wegdriften…, komm her, bleib hier“, aber alles, was dein Pferd fühlt, ist Druck und dein Unbehagen, und das wird zur Bedrohung.

Der Botschafter des Ja fühlt den drohenden Verlust der mentalen Verbindung des Pferdes. Anstelle zu versuchen, das Pferd am Weggehen zu hindern, wirst du beginnen, dem Pferd auf eine unbedrohliche Weise zu folgen, indem du dich hinter Zone 5 begibst, während du das Seil durch die Finger gleiten lässt, damit dein Pferd keinen Widerstand oder Blockade fühlt. Das entschärft die Situation unmittelbar. Das Pferd wird weicher und dir anbieten, sich zu dir umzudrehen. In diesem Moment lächelst du, ziehst dich zurück und nimmst dein Pferd mit dir.

Das Ergebnis: Du beginnst zu sagen: „Ja! Es ist in Ordnung, dass du gehst. Es tut mir leid, dass ich dich zu sehr gedrängt habe. Ich werde einfach mit dir gehen, bis du dich wieder wohl fühlst“, und sehr bald wird dein Pferd keinen Grund mehr sehen, dich zu verlassen. Der Grund, warum es dich überhaupt verlassen hat, lag darin, dass du, als dein Pferd daran dachte, es darin zusätzlich bestärkt hast. Es ist dasselbe mit dem ständigen Grasfressen: Beginn zu sagen, „Ich weiss, du liebst Gras. Lass mich ein paar besonders gute Stellen für dich finden“, und recht bald wird dein Pferd aufhören, dich dominieren zu wollen, weil es nichts zu streiten gibt. Es wird interessierter daran sein, was du als nächstes tun willst.

2 Bestärke es!

Im Grunde funktioniert das deshalb, weil es nicht zum Streit kommt! Wenn dein Pferd zum Beispiel laufen will, bestärkst du es darin. Wenn es am Seil oder am Stick knabbern will, bestärkst du es darin. Du denkst jetzt wahrscheinlich, „Wie in aller Welt kann das funktionieren? Und wenn dein Pferd einfach weiterfrisst?“

Der Minister des Nein: Dein Pferd will laufen, entweder weil es beunruhigt ist (Right-Brain) oder weil es deine Leadership in Frage stellt (Left-Brain). Du schüttelst also dein Seil im Versuch, es zu verlangsamen und es wird schlimmer, bis zum Wegziehen, weil du sagst,  „Nein! Lauf nicht so schnell. Ich will, dass du trabst“. Aber dein Pferd beginnt mit dir zu kämpfen und wird impulsiver, zieht am Seil. Wenn du es zurückhältst, verstärkst du seine Angst (Right-Brain) oder gibst ihm einen Grund zum Streiten (Left-Brain).

Der Botschafter des Ja spürt, dass das Pferd laufen muss, weil es entweder munter und verspielt ist (Left-Brain) oder weil es angespannt und aus irgendeinem Grund beunruhigt ist. Deshalb bestärkst du es, indem du es fragst, etwas schneller zu laufen und dann wartest. Wenn es nach drei oder vier Runden nicht langsamer wird, fragst du es wieder, eine Runde zu beschleunigen und wartest.

Einige solche Wiederholungen und dein Pferd wird ruhiger werden, weil es keinen Kampf gibt, und weil es spürt, dass du seine Bedürfnisse verstehst. Das Ergebnis: Das Pferd fühlt sich stärker mit dir verbunden, weil du mehr wie ein Pferd denkst, nicht so sehr wie ein Mensch. Es verbraucht sein Adrenalin so, wie es die Natur vorgesehen hat (durch Bewegung) und wird ruhiger. Auf lange Sicht wird das Pferd erkennen, dass du mit ihm bist und nicht gegen es. Es wird mehr Leadership bei dir suchen und weniger Widerstand leisten.

Übrigens solltest du dies vom Boden aus tun. Und sicherstellen, dass du dein Pferd nicht dadurch bestrafst, dass es schneller laufen muss; du bestärkst es durch den positiven Gedanken im Kopf und ein wenig Energie in Zone 5.

Ein neuer Weg des Denkens

Als ich begann, die Bedeutung dieser Dinge wirklich zu verstehen, erreichte die Partnerschaft mit meinen eigenen Pferden einen neuen Level. Auch die Beschäftigung mit sogenannten „Problempferden“ begann leichter und erfreulicher zu werden. Alles wird schnell ruhiger, das Pferd fühlt kein Bedürfnis mehr zu kämpfen  zu flüchten oder zu streiten und rascher als du denkst, erreichst du eine wunderbare Verbindung und eine Harmonie, die sich entwickelt und weiter vertieft.

Werde der Botschafter des Ja!

Natürlich wirst du hin und wieder Fehler machen, aber wenn du beginnst anders zu denken, wirst du dich auch anders verhalten. Durch die Wiederholung wird es zur guten Angewohnheit, und wie Pat sagt: „Horsemanship ist nichts Anderes als eine Folge von guten Gewohnheiten.“ Wenn du dich dieser Botschaft anschliesst, wirst du schlussendlich viele Wege finden, Ja anstelle von Nein zu sagen und die Beziehung zu deinem Pferd vertiefen.
(frei übersetzt aus der Savvy Times, August 2010, von Linda Parelli)